Ganzheitliche Massage und Körpertherapie
Geschichte des Shiatsu
Shiatsu, die japanische Fingerdruckmassage ("Shi" = Finger, "Atsu" = Druck), basiert auf dem Erfahrungs- und Wissensschatz des Daoismus, der ältesten Lebensphilosophie Chinas, der traditionellen chinesischen und der japanischen Medizin. Die Beobachtung der Wandlungen, welche sich im Jahreszeitenzyklus der Natur, aber auch in den aufeinanderfolgenden Lebensphasen eines Menschen oder im Wechselspiel von Tag und Nacht abspielt, ließ die Lehre von Yin und Yang und dem Kreislauf der 5 Elemente (Wandlungsphasen) entstehen.
Die Vorstellung, daß im menschlichen Körper eine Lebens-Energie (chin. "Qi" oder "Chi", jap. "Ki") in ebensolchen Wandlungen und ihnen zugeordneten Energieleitbahnen ("Meridianen") zirkuliert, von deren harmonischem Fluß die Gesundheit des Menschen abhängt, ließ verschiedenste Formen von Körperbehandlungen entstehen, welch diesen Fluß unterstützen. Schon achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurden Steinnadeln benutzt, um bestimmte Punkte auf solchen Leitbahnen zu stimulieren (erste Form der Akupunktur). Da Berührung eine instinktive, im Tast- und Bewegungssinn (die ersten Sinne der menschlichen Entwicklung) angelegte Form des Heilens ist, können wir davon ausgehen, daß Massage und Dehnung der Meridiane bereits vor dieser Zeit praktiziert wurde.
Shiatsu beinhaltet sowohl Berührung (Dehnen, Bewegen, Handballen- und Daumendruck entlang der Meridiane), als auch Dehn-Übungen die als "Do In" bezeichnet werden. Auch die Ursprünge des Do In (chin. "Dao Yin") liegen weit zurück. "Dao" bedeutet: "Weg", "Sinn" "Weg der Verschmelzung mit der grundlegenden Harmonie aller Dinge". Mit dem Wort "Dao" in "Dao Yin" ist das "Leiten" oder "Führen" der Energie im Körper durch den Geist angedeutet. "Yin" bedeutet in diesem Fall, daß durch das Spannen der Sehnen Energie in die äußersten Teile des Körpers geleitet wird.
Wichtigen Einfluß auf die Übungen des Dao Yin hatte im 6. Jahrhundert der buddistische Shaolin- Mönch Bodhidharma, der den Chan-Buddhismus (jap. Zen) begründete. Im 10. Jahrhundert gelangte das Dao Yin und die chinesische Medizin zusammen mit dem Buddhismus nach Japan. Dort entstand durch die Verbindung des Do In mit der in Japan praktizierten "Anma"-Massage die erste Form des Shiatsu. Seinen Namen und die jetzige Form erhielt es allerdings erst im 20. Jahrhundert als Japan stark westlich orientiert war und sich das "Anma" als Therapieform neu etablieren mußte. Einflüsse aus der westlichen manuellen Therapie und Bezüge zur Anatomie, Physiologie und der Psychologie ließen das Shiatsu als ordentliche Therapiemethode neu entstehen.
In Japan wird heute das stark westlich orientierte Namikoshi-Shiatsu praktiziert. Der Westen bevorzugt jedoch ein Shiatsu, das sich seiner traditionellen Wurzeln bewußt ist. Shizuto Masunaga und Wataru Ohashi brachten das Shiatsu in den 70er Jahren nach New York und später nach Europa. Die Besonderheit des Ohashi-Shiatsu liegt darin, daß dem Wohlergehen des Praktizierenden und den eingenommenen Körperhaltungen beim Shiatsu große Bedeutung beigemessen wird. Shizuto Masunaga (1925 - 1981), promovierter Psychologe und Begründer des Zen- oder Iokai-Shiatsu erweiterte das klassische Meridiansystems um Verläufe, die sich über den ganzen Körper erstrecken. Seine Rückbesinnung auf das "Zen" beschreibt die absichtslose, meditative Haltung die der Praktiker dem Behandelten gegenüber einnimmt. Er lauscht dem Echo des Lebensstroms und unterstützt dadurch die Selbstwahrnehmung des Empfangenden. Die Vereinigung von Psychologie und Physiologie, von wissenschaftlicher Genauigkeit und traditioneller Tiefe und Ganzheitlichkeit, macht das Shiatsu zu einer tiefwirkenden Form der "Kunst der Berührung".
Autorin: Annett Pinkall
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