Jugendkriminalität – Helfen statt strafen
Verfolgt man die jüngste Debatte über Jugendkriminalität, so stößt man immer wieder auf Forderungen nach härteren Strafen oder gar einer Verschärfung des Jugendstrafrechts. So wurde beispielsweise neben der Ausweisung straffälliger Jugendlicher mit Migrationshintergrund und der Einrichtung von Bootcamps nach dem amerikanischen Vorbild, eine Anwendung des Jugendstrafrechts auf unter 14-Jährige diskutiert. Es ist jedoch fraglich, ob Maßnahmen, die erst bei bereits begangenen Straftaten ansetzen, das geeignete Mittel sind, um dem eigentlichen Problem entgegenzuwirken. Vielmehr sollten in dieser Debatte die Ursachen von Jugendkriminalität fokussiert werden, als lediglich die Auswirkungen in vielfältiger Weise zu bekämpfen.
Die Ursachen von Jugendkriminalität sind verschieden; sie kann in Armut, Orientierungslosigkeit, geringen Bildungs- und Berufschancen, unzureichender Kommunikation oder einem Mangel an Wertevorstellungen begründet sein. „Die Probleme der Jugendlichen, die zu uns kommen, liegen nicht nur im schulischen und familiären Bereich, sondern sie sind auch materieller Natur“, erzählt Haci Erdogan, Anti-Aggressivitätstrainer bei der AWO. „Die Sorgen und finanziellen Nöte der Eltern übertragen sich auf deren Kinder. Die Jugendlichen können sich kaum etwas leisten.“ Gepaart mit der vorgelebten Lebensweise der Konsumgesellschaft und der Wertevermittlung der Medien, lassen sich nur wenige kleine oder gar große Wünsche erfüllen. „So rückt beispielsweise die Erfüllung des Wunsches nach einer Spielekonsole in weite Ferne. Die daraus entstehende Frustration verändert das Rechtsbewusstsein der Jugendlichen und führt zur Überlegung, “sich die Dinge selbst zu besorgen“.
Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund wurden in der Diskussion mit Jugendkriminalität in Verbindung gebracht. Eine rasche Ausweisung aus Deutschland mag bequem erscheinen, trägt jedoch kaum zur Lösung des Problems bei. Angesichts der fortschreitenden Erweiterung der Europäischen Union und der damit zunehmenden Multikulturalität der deutschen Gesellschaft, wird vielmehr die Frage nach der Integration verschiedenster Nationalitäten und Kulturen immer dringlicher. Vor allem für die jüngere Generation droht ein Konflikt zwischen den traditionell vermittelten Werten ihrer Heimat und Familie sowie den Wertvorstellungen in Deutschland. Es ist daher erforderlich, im Bereich der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen verstärkt den Interkulturellen Dialog zu suchen, und somit eine offene Kommunikation über die verschiedenen Traditionen und Kulturen sowie das gegenseitige Verständnis für einander zu fördern. Im Mittelpunkt sollten demnach Konzepte und Maßnahmen stehen, welche die Integration dieser Jugendlichen fördern, statt sie „abzuschieben, in der Schule sofort auszusortieren und in gesonderten Institutionen unterzubringen. nur zu einem Gefühl der Ausgrenzung“, so Haci Erdogan. zeitigen Integration sieht er darin, „schon Kindergärten für alle sozialen Schichten zu öffnen.“ Darüber hinaus kann auch der Besuch eines Hortes nach Schulschluss die Integration und Kommunikation fördern, bietet er doch die Möglichkeit zum gemeinsamen Spielen, Erleben und Entdecken und kann so nicht nur das Gemeinschaftsgefühl stärken. Auch die kompetente Betreuung bei Hausaufgaben und das gemeinschaftliche Lernen bieten denjenigen Kindern einen Vorteil, die diesbezüglich kaum familiäre Unterstützung erfahren. Neben diesen Aspekten ist aber auch von zentraler Bedeutung, „wie Familien unterstützt werden können, damit Sie ihrer eigenen Erziehungsverantwortung gerecht werden können.“ Gerade dort, wo solche Probleme nicht mehr aus eigener Kraft gelöst werden können, kommt der pädagogischen Arbeit und der Qualifikation der Fachkräfte zur Betreuung von Kindern- und Jugendlichen eine immer wichtigere Rolle zu.
Frau Sigrid Rexin Lykidis, Studienleiterin der Akademie für Aus- und Weiterbildung für ganzheitliche Gesundheitsbildung Campus Naturalis, sieht vor allem das Problem, dass „ Jugendlichen oft keine ihren Bedürfnissen angemessene Räume zur Verfügung stehen. Meist werden sie als störend empfunden und deshalb weggeschickt. Sie brauchen nicht nur einen Jugendklubraum, sondern auch die Möglichkeit, sich an einem Ort in der Natur zu treffen, wo sie sich frei entfalten können“. Besonders wichtig erscheint ihr eine „für Kinder und Jugendliche altersspezifische Förderung“. In der Ausbildung zum Kinder- und Jugendtherapeuten in der Akademie Campus Naturalis wird deshalb ein besonderer Wert darauf gelegt, dass „die Kinder mit all ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten individuell ‚abgeholt‘ werden, um anschließend ihre Entwicklungspotenziale zu fördern“.
Die Akademie legt in der Ausbildung großen Wert auf die interdisziplinäre Arbeit. Dabei werden theoretisch und praktisch verschiedene Konzepte gelehrt, die sinnvoll unter Berücksichtigung einer ganzheitlichen Betrachtungsweise umgesetzt werden sollen. Dies bedeutet, dass neben konventionellen Modellen, die verhaltenstherapeutische Aspekte beinhalten, ein integraler Ansatz zum Tragen kommt. Dabei wird darauf abgezielt, alle Erscheinungsformen einer Störung oder Irritation im gesamten Umfeld des Kindes unter Berücksichtigung der individuellen Konstitution zu betrachten. Dementsprechend liegen Schwerpunkte der Ausbildung in der Gestalttherapie, der systemischen Familientherapie sowie in Kreativtherapien, aber auch in körpertherapeutischen Ansätzen. Denn gerade die Ausdrucksmöglichkeiten durch Tanz, Bewegung oder Malerei spielen in der Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle, werden aber im herkömmlichen Schulbetrieb immer weniger mit einbezogen.
An der Ausbildung zum Kinder- und Jugendtherapeuten am Campus Naturalis schätzt Haci Erdogan den innovativen Ansatz der integralen Diagnostik, den „Tiefgang und die lebendige Wissensvermittlung. Das Erlernte kann er täglich praktisch bei der AWO sehr gut umsetzen.
Durch die interdisziplinäre Arbeit am Campus Naturalis haben die Teilnehmer somit die Möglichkeit, die erworbenen Kenntnisse mit der Praxis zu verknüpfen und nachhaltig zu integrieren.
Quelle: http://www.europarl.europa.eu/news/public/story_page/040-4265-079-03-12-906-20070314STO04228-2007-20-03-2007/default_de.htm (24.01.08)
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