Kunst und Kunsttherapie
BLAU
1907 äußerte Rainer Maria Rilke unter dem Eindruck der überaus blauen Aquarelle und Ölbilder Paul Cezannes:
Es ließe sich denken, daß jemand eine Monographie des Blau schriebe.
Er hat diese Idee nicht aufgegriffen und als im Jahr 1990 in Heidelberg die Ausstellung Blau eröffnet wurde, waren sich alle Beteiligten darüber einig, dass man Blau nicht in seiner Gänze würde darstellen können.
- Geschichte:
Sowohl die Kultur der alten Griechen, als auch die der Israeliten und biblische Quellen lassen ein eindeutiges Fehlen der Farbe Blau in Sprache und Kunst erkennen. Manche Forscher gehen soweit zu behaupten, dass diese Menschen unter der sogenannten Blaublindheit (Tritanopie) litten. Neuere Forschungsergebnisse haben einige wenige Beispiele des Einsatzes von Blau bei den Griechen entdeckt. Zusammenhängen könnte dies mit einer Blauschwäche als Phänomen des Südens:
Südliche Völker sind einer längeren und intensiveren Sonneneinstrahlung ausgesetzt; demgemäß erleidet ihre Farbwahrnehmung eine Veränderung, und zwar eine Rotverschiebung. Von in der Natur vorkommenden Farben sind vor allem die der frischen Vegetation betroffen, aber auch die Blautöne. (…) Blau erscheint weniger volltonig. [1]
Im Mittelalter erscheint Blau hauptsächlich als Farbe des Himmels und als Farbe des Mantels der Maria
Es (Das Blau) dominiert mächtig im Mantel der Maria, ist aber gleichsam omnipräsent und verbindet Himmel und Erde, Nähe und Ferne, Göttliches und Menschliches in einem grandiosen Bogenschwung. [2]
Im Mittelalter tauchen Blau und Gold oft nebeneinander auf und sind in ihrer Symbolik im Grunde austauschbar.
Neben der positiven Symbolik findet sich Blau allerdings auch in der Darstellung gefallener Engel und entfaltet hier seine düstere, bedrückende Qualität. Die Darstellung zeigt also einmal das Blau des Lichtes, einmal das Blau der Dunkelheit.
Herausgegriffen werden sollte die Farblehre der Hildegard von Bingen, die in drei theologischen Schriften[3] auf ein mittelalterliches, spirituelles Farbsystem eingeht. So beschreibt sie blau in der Qualität des Reinen, Himmels, (Das lichte Blau von Saphir, Hyazinth und Himmelblau), Symbol der Gottheit, der atmosphärischen Tiefe, der Transzendenten. Dem gegenüber enthalten ihre Visionsberichte auch die Qualität des Blau des Wassers, das dem Sünder, dem Gefallenen zugeordnet ist, der Strafe z. B. durch Überschwemmung erfährt.[4] . Hier drängen sich Vergleiche mit dem Alten Testament auf; etwa die Arche Noah oder der Gang der Israeliten durch das Meer.
Leonardo da Vinci begreift als erster seiner Zeit das optisch-physikalische Wesen der Farbe Blau in der Atmosphäre als eine immaterielle Farbe, die zur illusionistischen Darstellung von Ferne benutzt werden kann. [5]
Ich behaupte, daß das Blau, in welchem die Luft erscheint, nicht ihre eigene Farbe ist, sondern daß es durch die warme, zu feinen und nicht wahrnehmbaren Stäuben verdunstete Feuchtigkeit hervorgerufen wird; denn diese fängt den Anprall der Sonnenstrahlen auf und wird dadurch leuchtend unter der tiefen Finsternis der Feuerregion, die sie von oben bedeckt. [6]
In der Romantik wird die Darstellung von Blau stark akzentuiert. Es steht nunmehr nicht mehr für unerreichbare Göttliche, sondern für die tatsächlich erlebte Unerreichbarkeit. Die religiöse Erfahrung des Himmels weicht einer anthropozentrischen, psychologischen. Goethe begreift die Phänomenologie des Blau:
(Blau) macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick. Wie wir den hohen Himmel und die fernen Berge blau sehe, so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurückzuweichen. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gerne an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht. [7]
Es ist anzumerken, dass Goethe sehr wahrscheinlich nach seiner italienischen Reise mit den Farbtheorien da Vincis vertraut war.
In unserem Jahrhundert schließlich wurden die immateriellen Eigenschaften blauer Naturphänomene abstrahiert.
Die blauen Berge verlieren ihre Farbe, wenn ich sie erreiche und das tiefblaue Wasser entfernt sich, sobald ich seiner habhaft zu werden versuche. [8]
Steiner ordnet Blau den Glanzfarben, aber auch den Nachtfarben, der Seite der Finsternis zu.
Blau ist dasjenige, was den Menschen innerliches Wohlbehagen bereitet, wo er sich sagt … Da kann ich leichter leben, in dem Blau. [9]
(Über die Identifikation mit einer Farbe:) Würde man dasselbe mit einer blauen Fläche machen, so würde man durch die Welt gehen, indem man das Bedürfnis empfindet, mit dem Blau immer weiter und weiter fortzuschreiten, den Egoismus in sich zu überwinden, gleichsam makrokosmisch zu werden, Hingabe zu entwickeln. [10]
Hier findet man eine Wiedervereinigung der spirituellen Qualitäten des Blau Erlebens des Mittelalters mit den psychologischen Elementen des Blau Erlebens der Romantik und Neuzeit. Das Eingehen in das Blau als Farbe, als Qualität ist gleichzusetzen mit der unsterblichen Seele, die aus der Weltenseele geboren wird und in diese mit dem Tod wieder eingeht. In vielen spirituellen Bildern der Weltreligionen spiegelt sich das sprachlich wider: „In den Himmel kommen“; das Bild des Tropfens, der auf eine Wasserfläche trifft und gleichsam seine Individuation verliert, ohne aufzuhören zu existieren. Maria, die ursprüngliche Ur-Mutter aus der Tradition der Gaia, Undine, Ganga, Leda, Maia, Moira, Melusine. Diese weiblichen sowohl lebenspendenden als auch -nehmenden Ur-Gottheiten finden sich weltweit in Mythen, Sagen, Religionen. Ihr Ursprung ist immer das blaue Wasser. [11]
In der Gegenwartskunst (50er und 60er Jahre) gipfelte das Blau u. a. sicher im monochromen Blau von Yves Klein.
- Das positive Blau
Das Blau des Himmels gilt als archetypische Erfahrung der Transzendenz.
Obgleich physikalisch gesehen der Himmel nunmehr blau erscheint (aufgrund der höheren Frequenz von kurzwelligem Licht, trifft dieses häufiger auf Widerstände; Das Streulicht, das diffuse Himmelslicht besteht aus kurzwelligem Licht und hat daher eine blaue Farbe. Je höher die Atmosphäre mit Aerosol angereichert wird, desto mehr wird die blaue Farbe getrübt)
Diese Erkenntnis hat die übersinnliche und metaphysische Erfahrung des Himmels allerdings kaum beeinflusst.
Der Himmel ist im Glauben der Völker der Wohnsitz des Höchsten Wesens oder anderer überirdischer Mächte sowie das Symbol des Transzendenten. [12]
Die Erde gilt als der blaue Planet – dies eher wegen des Wassers. Ebenso In der Antike und im Mittelalter wurde Jupiter als der blaue Planet angesehen und mit Saphir und Lapislazuli attributiert. (Seit 1665 weiß man, dass Jupiter rot erscheint.)
Wirklich blau soll Neptun sein, der dem Element Wasser zugeordnet ist und oftmals als blauer Diamant bezeichnet wird. [13]
- Das negative Blau
Je tiefer und dunkler ein Blau ist, um so negativer wird es auf einer Wahrnehmungsebene empfunden. So wirkt sehr dunkles Wasser bedrohlich, ein dunkles Blau stimmt depressiv.
Nachdem Indigo nach 1498 (Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama) nach Europa kam, wurde die Färberei mit Indigo unter Androhung der Todesstrafe verboten. 1654 wurde er zur „Todesfarbe“ erklärt und erst im 17. Jh. Durch die Einführung der preußischblauen Uniformen wieder rehabilitiert. Bevor Indigo sich aufgrund seiner hervorragenden Färbeeigenschaften durchsetzte, galt das matte Blau des Färberwaids als Farbe der niederen Stände. Der Adel trug rot.
Blau wirkt kalt. In einem blau gestrichenen Raum verschätzt man sich bei der Raumtemperatur um 2 – 4 °C nach unten.
Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt. [14]
Blau verbindet sich mit dem negativen Zustand des Lichtes also mit Schwarz. Dies impliziert die negative Deutung der Farbe.
Dass Schwarz mit Nacht, Tod, Bösem assoziiert wird hängt sicherlich mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen zusammen, der wie die übrigen Primaten als Tagwesen die Nachtschwärze seit Zehntausenden von Generationen als bedrohlich, unheimlich, Licht hingegen als beruhigend empfindet. [15]
Ein weiteres Beispiel für die Darstellung des negativen Blau ist die blaue Grotte (Hinweis auf die Initiation, auf die bedrohliche weibliche Sexualität als solche, Vagina Dentata; auch z. B. Mörike, Eduard; Das Stuttgarter Hutzelmännlein; 1853; oder vgl. Bildbeispiel Elvira Bach)
Die reale blaue Grotte liegt in Capri, vgl. die Blaue Grotte; Bildbeispiel;
- Die Farbe Blau in der Kunst
Im Mittelalter wurde Blau in der Kunst eingesetzt, um die Verbindung des Göttlichen mit dem Irdischen auszudrücken. So wurde der Mantel der Maria immer in Blau dargestellt. Ebenso wurde der Blaugrund als Hintergrundfarbe immer christlich motiviert. Diese Himmelsfarbe war perspektivlos, abstrakt ohne Raumsuggestion. Die konträr erlebte Wirkung von Blau zeigt sich hier durch die Darstellung der blauen Mäntel von Hexen und Zauberern
Der Blaue Reiter
Die „Blauen Reiter“ entstanden durch Wassily Kandinsky und Franz Marc projektiert durch die Herausgabe eines gleichnamigen Almanachs, dessen Titel sich - so lapidar lautete rückblickend Kandinskys Beschreibung - aus der Vorliebe für blaue Reiter (Kandinsky) und blaue Pferde (Marc) zusammensetzte.
Kandinsky sieht Blau als beruhigend, vertiefend, verinnerlichend; es gewinnt in tieferen Tönen an Intensität.
Je tiefer Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem.
Es steht für den Rückzug aus dem Weltlichen, Äußerlichen und für die Sinnsuche nach dem inneren Klang.
Kandinsky greift hier Goethes Erkenntnisse um die Farbwirkung auf, die er als uranfängliche Naturerscheinung beschrieb, die
in Zusammenstellung eine teils harmonische, teils charakteristische, oft unharmonische, immer aber eine entscheidende und bedeutende Wirkung
haben. Kandinsky bemühte sich im Laufe seines Schaffens immer mehr darum, die Abschweifung des Betrachters zu vermeiden, um so den Aspekt des Geistigen in der Kunst herauszuarbeiten, den Betrachter gleichsam den inneren Klang der Farbe erfahren zu lassen. Ein Bildbeispiel hierfür ist „Friedhof und Pfarrhaus in Kochel“; 1909; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München. Typisch für die Darstellungen dieser Jahre ist das disharmonische Aufeinandertreffen von warmen und kalten Tönen (gelb, als irdische Farbe, die kraftvoll expandierend, gleich einem dem Wahnsinn verfallenen Menschen ihre Energien plan- und grenzenlos nach allen Seiten schleudert.)
Im Laufe der Zeit drängt Kandinsky die gegenstandsdenotierenden Elemente weiter zurück und reduziert seine Darstellungen auf wenige Hinweise (z. B. „Kirche von Murnau“; 1910; Städt. Galerie im Lenbachbaus, München).
- Blau in der Sprache und im Alltag
Das Wort BLAU wirkt gemäß der therapeutischen Sprachgestaltung:
B Erde, physischer Leib, Stoßlaut
L Wasser, Lebensleib oder Ätherleib, Wellenlaut
A Öffnen, Hingabe an die Welt, Bezug zum Gefühls- und Willenmäßigen
U Verengen, Festigen der Persönlichkeit, Bezug zum Gefühls- und Willenmäßigen
In der Assoziation Blau, Himmel, Luft, Atmung liegt die Verbindung von (blauem) Himmel und Atmung als lebenswichtige Verbindung des Menschen mit dem Himmel, dem Ätherischen nahe.
Die Atmung schlägt die Brücke vom Geistig-Seelischen zum Stofflich-Lebendigen. [16]
Ab dem Mittelalter gilt blau sprachlich als Treuesymbol, es war die Farbe der ritterlichen Minne (Rot ist der Mund, das Blut, lilienweiß die Unschuld, blau die Farbe der – abweisenden – Augen).
Weiß mir ein Blümlein blaues von himmelischem Schein.
Es steht in grüner Aue, es heißt Vergiß nicht mein. (Straßburger Volkslied, um 1570)
(Hier ist stets zu beachten, dass die Ambivalenz des Blau voll erhalten bleibt! Blau galt ebenso als Farbe der Untreue! Blaue Augen, Himmelstern, küssen und poussieren gern.)
Die Blaue Stunde ist die Zeit, in der nachts nach einer Feier die Menschen müde werden, aber noch nicht nach Hause gehen möchten.
„Blau“ wird man nach übermäßigem Alkoholgenuss – hier bezieht sich das Sprachliche sicher auf den tranceartigen, schläfrigen, sich verlierenden Zustand, den Alkohol auslöst.
Den Blues fühlt man, wenn man unglücklich verliebt ist. In der ausgehenden ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte dieses Wort eine ganze stilistische Musikrichtung, deren Lieder von Liebesleid und unmöglicher Liebe handeln. (Nahe liegt hier die Assoziation der zwei Königskinder aus dem Märchen, die aufgrund der Unmöglichkeit zusammenzufinden schlussendlich ertranken. Auch hier ist das Wasser als negatives Blau schicksalerfüllend und vernichtend – oder in einer anderen Dimension zusammenführend. Dieses Märchen ist dem Sternzeichen Fische zugeordnet, das eines der drei Wasserzeichen ist.)
Im Extrem kann dieses „feeling blue“ eine neurotische Melancholie ausdrücken – die Extreme sind zu erleben, wenn die Dualität der Farbwirkung übersehen wird und eine Farbe – wie hier Blau – sittlich-moralisch überstrapaziert wird.
Jemand ist blauäugig, wenn er zu gutgläubig und/oder dumm ist.
Ins Blaue fahren bedeutet sich ins Ungewisse aufzumachen.
Jemand lügt das Blaue vom Himmel herunter, wenn er besonders dreist, aber auch geschickt die Unwahrheit sagt.
Weitere Beispiele: Das Blaue Wunder erleben; Blauer Dunst; mit einem blauen Auge davonkommen;
Das Nachtblau steht für das Eintauchen ins Ungewisse, für das Bedrohliche, den Schattenbereich.
Das Himmelblau der Babykleidung steht für das weiche zarte, einhüllende, aber auch noch für die Verbindung des reinen Neugeborenen mit der göttlichen Transzendenz.
Blau ist die ausgewählte Farbe als Hintergrund bei politischen Veranstaltungen, für Nachrichtensendungen, als Bestuhlung – sie beruhigt.
Delinquenten, die vor Gericht erscheinen wird aus farbpsychologischer Sicht dunkelblau als Bekleidungsfarbe empfohlen – es wirkt ehrlich und gesetzt, aber auch schutzwürdig, weil depressiv, passiv.
Blau ist – seit es statistische Erhebungen gibt – die Lieblingsfarbe der Deutschen mit knapp 40% weit vor dem rot-orange Bereich. Gelb und grün sind am unbeliebtesten.
- Die Farbe Blau in anderen Kulturen
Ägypten: Der Lapislazuli galt als lebensspendend. Als Grabbeigaben fand man blau lasierte Frauenfiguren als Symbol der Schöpfung und Erneuerung des Lebens. Das tiefe Blau des Wassers stand für das Leben, das unermessliche Blau des Himmels für das Göttliche.
Im Islam gilt Dunkelblau als Trauerfarbe: Ein sehender Mann fragt das Meer: Warum trägst du die Farbe der Trauer? (…) Das Meer antwortet: Ich bin Seiner (Gottes) nicht würdig, aus Schmerz um ihn trage ich die Farbe der Trauer. [17] Auch von Attar stammt folgendes Gleichnis: Der Himmel hat darüber, dass er das Ziel seines Suchens (das Wesen Gottes zu erkennen) nicht erreicht hat, die blaue Trauerfarbe angelegt.
Im Talmud wird Blau unterschieden in Himmel und Wasser: Das „techeleth“ gleicht dem Meer und das Meer gleicht den Gräsern und die Gräser dem Firmament und das Firmament dem Thron der Glorie und der Thron der Glorie dem Saphir. [18]
Besonders auffällig sind neben der in (fast?) jeder Kultur vorhandenen Assoziation von Himmel und dem Göttlichen (Vater) die ebenso verbreiteten Sagen und Märchen der Wasserfrauen: Sei es Undine oder andere Nixen in unserem Kulturkreis, Ganga in Indien, Leda oder die Moiren im alten Griechenland, Yemoja aus Afrika, Yara aus Brasilien usw. Gemein haben diese Frauengestalten das Mystische, Urweibliche, Urmütterliche. [19]
So ließe sich beim Blick über das Meer an der Stelle, an der der Horizont auf das Meer trifft eine Art göttliche Vereinigung der Urelemente aus Weiblich und Männlich erkennen.
- Die Farbe Blau in der Therapie
Blaue Blumen spielen eine nicht unbedeutende Rolle in der Volksmedizin. So war die blaublühende Vinca major ein verbreitetes Abtreibungsmittel, die Schwertlilie gilt als geburtshelfend, die Wegwarte als fiebersenkend oder die Veronica
vertreibt Schwindel, bringt ein gutes Gedächtnis, löst Schleim, wärmt den Magen, ist gut für Lunge, Leber, Nieren, reinigt die Gebärmutter, die Blase, heilt Gelbsucht, treibt Lendenstein und allen giftigen Unrat aus dem Leib. [20]
Farbtherapeutisch hat Blau etliche Heilwirkungen:
Die Farbe Blau wirkt zusammenziehend und führt nach innen, bis hin zum eigenen Unbewussten. Sie harmonisiert und beruhigt und dient der Entspannung. Sie dämpft die Erregtheit und Nervosität, sie fördert die Kommunikation, Sachlichkeit und Präzision der Gedanken. Blau wirkt heilend, insbesondere auf entzündliche Krankheitsprozesse, aber auch entkrampfend und schmerzlindernd. Blau ist die Farbe der Meditation und vermittelt die Beziehung zum Unbewussten. Blau steht für Verlässlichkeit, Geradheit und Wahrheit und schafft die Voraussetzung zur Wissenschaftlichkeit und Objektivität.
Mit der Farbe Blau korrespondiert das Kehlkopf-Chakra.
Die Farbe Indigoblau wirkt insbesondere heilend auf die Sinne Augen, Ohren und Nase und wird bei nervösen Erschöpfungszuständen und geistigen Störungen angewendet. Ferner werden Darmerkrankungen behandelt. Indigoblau führt zur Verinnerlichung von spirituellen Bereichen, das korrespondierende Chakra ist das "Dritte Auge". [21]
Kontraindiziert ist Blau u. a. bei der Behandlung von Depressionen, Vereinsamung, Schizophrenie. (Blau-Zustände).
Letztere These geht von der ausgleichenden Wirkung der Farben aus. Geht man von der homöopathischen Sichtweise aus, [22] so bleibt diese These zu diskutieren: hier gilt es den Zustand, der in einem Übermaß vorhanden ist, farblich auszudrücken, um im Inneren, Seelischen die entsprechende Komplementärfarbe zu entwickeln. So würde z. B. ein Patient mit Depressionen Blau malen, um im Inneren Orange zu entwickeln.
Farbpsychologie:
Die Farbe der Nacht lässt uns entspannen. Was uns im Alltag ärgerlich und dramatisch erscheint, können wir mit Blau ruhiger und distanzierter betrachten. Blau ist wohltuend, wenn man von Wut, Unruhe und fixen Ideen geplagt wird. [23]
Loyal Blau entspricht dem Element Wasser und symbolisiert Ruhe - Menschen, die Blau lieben, werden oft bewundert: wegen ihres festen Charakters und ihrer tiefen Loyalität. Sie wirken häufig aber sehr distanziert. [24]
Traumdeutung:
Symbolik/Psychische Entsprechung: Blau lässt auf Treue schließen; Angleichung, Anpassung, Milde; Wohlstand durch andere Menschen; Blau hat mit Religiosität, geistigen Zielen und Reife der Persönlichkeit zu tun. Blau symbolisiert Schutz, unsere weibliche Seite (Anima), die Seele, außerdem Wahrheit und Treue, Frieden und Ruhe. Im Traum wird mit der Farbe Blau immer der seelisch-emotionale Aspekt betont. Es wird hier auf den Rückzug und die Innenschau verwiesen. Blau deutet den Träumer auf eine introvertierte und kalte Verhaltensweise hin. Der negative Aspekt dieser Farbe zeigt sich im getrübten Blau, das Trauer, Ängste und Verwirrung ausdrücken kann.
Blau ist die Farbe des klaren, blauen Himmels. Sie ist die primäre Heilfarbe und verweist auf Entspannung, Schlaf und Friedfertigkeit.
Türkis: Das klare, grünliche Blau symbolisiert in manchen Religionen die befreite Seele. Sie steht für Gelassenheit und Ehrlichkeit.
Schlusswort:
Ich habe einen Satz von Rilke an den Anfang meiner Arbeit über Blau gestellt. Obwohl ich vieles über diese Farbe gelesen habe, hat sie sich nicht erschöpft. Rilke wusste sicher, warum er im Konjunktiv blieb. Er hat nie die Monographie des Blau geschrieben.
Es ließe sich denken, dass jemand eine Monographie des Blau schriebe.
Bildbeispiele der Darstellung von Blau in der Kunst:
· Verkündigung an Maria; Mittelrhein; ca. 1490
· Kreuzigung Missale Parisiense; 15. Jh.
· Flucht nach Ägypten, Livre d’heures, Paris; 2. Jahrzehnt des 15. Jh.
· Die Blaue Grotte von Capri, Heinrich Jakob Freid; 1835
· Die Geburt der Venus, Arnold Böcklin; 1968/69
· Die Flamme, Wilhelm Bernatzik; 1902
· La route de Magent, William Degouve De Nuncques
· Zwei Pferde auf der Weide, Franz Marc; 1913
· Femme en bleu, Ernest Biéler; 1913
· Mondnacht, Emil Nolde; 1914
· Komposition, Joan Mirò; 1925
· Bleu de ciel, Wassily Kandinsky; 1940
· Div. Beispiele zur Monochromie), Yves Klein; 1959 -62
· Blaue Figur blau, Horst Antes; 1981/82
· Im Hafen der Liebe, Jiri Georg Dokoupil; 1982
· (Ohne Titel), Elvira Bach; 1986
· Le dernier secret de Fatima, Michael Buthe; 1986
· Ich suche Deine Sterne; Ich glaube wir sind Engel, Martina Blume; 1987
· Der Süden ist blau, Ben Vautier; 1990
© Alexandra Müller, Campus Naturalis
links:
Ausbildungen im Fachbereich Kunst und Kunsttherapie
Seminare im Fachbereich Psychologie und Kunsttherapie
[1] Helmuth Dürbeck. Zur Charakteristik der griechischen Farbbezeichnungen
[2] Hans Gercke. Blau – Farbe der Ferne; Katalog anlässlich der Ausstellung im Heidelberger Kunstverein
[3] Scivias, 1141 – 1151; Liber vitae meritorum, 1158 – 1163; Liber divinorum operum, 1163 –1173
[4] Christel Meier; Die Bedeutung der Farben im Werk Hildegards von Bingen; In Frühmittelalterliche Studien, Bd. 6, 1972, S 245 – 355
[5] Leonardo da Vinci. Buch von der Malerei
[6] ebenda;
[7] J. W. v. Goethe. Farbenlehre
[8] Wassily Kandinsky. Über das Geistige in der Kunst
[9] Rudolf Steiner. Das Wesen der Farben; S.154
[10] ebenda; S. 103
[11] Hanna Moog (Hrsg.). Die Wasserfrau
[12] Lexikon für Theologie und Kirche
[13] Dietmar Schuth. Die Farbe Blau
[14] Goethe. Farbenlehre
[15] Winfried Nerdinger. Elemente künstlerischer Gestaltung
[16] Barbara Denjean-von Stryk, Dietrich von Bonin. Anthroposophische Kunsttherapie: Therapeutische Sprachgestaltung
[17] Helmut Ritter. Das Meer der Seele, 1955, Leiden (über den Mystiker Attar und dessen Werk Buch der Plage,
[18] Gershom Scholem. Farben und ihre Symbolik in der jüdischen Überlieferung. In Eranos, 1972
[19] Hanna Moog. Die Wasserfrau, Diederichs
[20] Esther Gallwitz. Kleiner Kräutergarten
[21] Horst Fuhrmann. Die Farbe Blau
[22] Samuel Hahnemann. Materia Medica: Similia similibus currentur
[23] Karl Ryberg: Farbentherapie – Die Wirkung der Farben auf Körper und Seele, MVG
[24] Dr. Justus Brehmer; Psychologe und Farbtherapeut