Kunst und Kunsttherapie
Grün-Passagen
|
![]() |
|
"europäischer normwanderweg 1988" |
Inhalt:
Einführung
Passage 1 - Farbe der Atmung
Passage 2 - Farbe des Halts (Anhalts) und der Pause
Passage 3 - Farbe der Beruhigung und Konzentration
Passage 4 - Dreifarbentheorie versus Primärfarbentrias
Passage 5 - Die Sekundärfarbe ersten Ranges
Passage 6 - Farbe der Mitte - Physikalische Urfarbe
Passage 7 - Farbe des Lebens
Passage 8 - Grün negativ - Grün positiv
Passage 9 - Grün gleich ganz Deutschland
Passage 10 - Grün als Bild für die Natur
Passage 11 - Grün-Verwandtschaften
Passage 12 - Grün-Bezeichnungen
Passage 13 - Grün und Kunsttherapie
Anhang: Grün-Zuschreibungen, Verwendete Literatur
Grün-Passagen
„Was Farbe ist, weiß niemand. Farbe gibt es überhaupt nicht.“ Mit diesen Sätzen begann Klaus Palm, Professor für Farbenlehre in Berlin, gewöhnlich seine Vorträge und Workshops, an denen ich einige Male teilnehmen durfte. Dies fiel mir wieder ein, als ich diesen Text über den Buntton Grün vorbereitete. Ich würde dem heute noch hinzufügen: . . . Aber alle haben Erfahrungen mit Farben gemacht.
Um Erfahrungen soll es hier u.a. gehen. Mit den folgenden dreizehn Grün-Passagen habe ich den Versuch unternommen, eine Auswahl meiner eigenen Grün-Erfahrungen mit einigen Kenntnissen über Grün aus diversen Farbenlehren und -systemen aus den letzten 400 Jahren, in denen der Buntton Grün jeweils eine zentrale Rolle spielt, einigermaßen chronologisch zu verschränken. Es sei gleich am Anfang verraten, dass Grün für mich immer schon eine besonders wichtige Farbe war.
Der Anhang zu den Grün-Passagen umfasst eine Auflistung der mir als relevant erscheinenden Grün-Zuschreibungen, die ich in der Fachliteratur, überwiegend bei Ingrid Riedel, gefunden habe. Daneben findet sich dort eine kleine Liste grüner Steine und einige Angaben zur Comic-Verfilmung “Hulk”, dem grünen Koloss und Protagonisten des Films, der einst ein angesehener Forscher war, sich dann aber im wissenschaftlichen Erbe des Vater verstrickte.
Passage 1 - Farbe der Atmung
Ich zitiere Arnd Brummer: „Bevor das Grün kam, war die Erde wüst und leer. Licht war da und Wasser. (Blaualgen, d.A.). Bakterien. Vor 500 Mio. (drei Milliarden?) Jahren ereignete sich die grüne Revolution. Das Chlorophyll - das Grün der Blätter - und die Photosynthese veränderten das Antlitz der Erde. Die Maschinerie des Lebens kommt auf Touren. Im Grün der Pflanzen wird aus Licht und Kohlendioxid Glucose. Dieser Zuckerstoff liefert die Energie zum Wachstum der Zellen. Und ganz nebenbei, als Abfallstoff sozusagen, setzt der Prozess den Sauerstoff frei, den Mensch und Getier zu ihrer Existenz brauchen.“ (Lebende Farben haben mit Stoffwechselprozessen zu tun.) Erst die Genesis der grünen Farbe ermöglichte die Atmung und damit das Leben von Menschen und Tieren auf der Erde.
Passage 2 - Farbe des Halts (Anhalts) und der Pause
An den Zeitpunkt erinnere ich mich nicht, an dem ich als Kind zum ersten Mal mit Wasserfarben gelb und blau gemischt habe; aber deutlich vor Augen ist mir die frühe Wirkung dieser Mischung auf mein Empfinden: es war mit einem Innehalten verbunden; und es war allemal beeindruckender, als orange oder violett zu mischen. Grün stellte von Anfang an deshalb eine ganz besondere, wenn nicht d i e Farbe für mich dar. Grün kann auf elementare Weise haltend bzw. anhaltend wirken. Es kann Pausen füllen und Übergänge stützen, wie in Passage 3 noch zu sehen ist.
Zunächst Goethe über die Farbe Grün: „Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung . . ., so ruht das Auge auf diesem Gemischten wie auf einem Einfachen. Man will nicht weiter, und man kann nicht weiter.“ Als Kind habe ich wohl gerade die so beschriebene Qualität bei der Entstehung von Grün auf Papier wahrgenommen.
Passage 3 - Farbe der Beruhigung und Konzentration
Als mir Ende der 60er Jahre als Gymnasiastin die Konzentration vor wichtigen schriftlichen Arbeiten immer schwerer fiel, las ich zufällig den Bericht über einen wissenschaftlichen Versuch, der die Steigerung der menschlichen Konzentration durch das fünfminütige Betrachten einer grünen Fläche thematisierte. Von da an trug ich immer eine grüne A4-Pappe in meiner Schultasche, die ich, unter dem Gespött meiner Mitschülerinnen, speziell vor Prüfungen, einige Minuten lang mit beiden Augen fixierte, - es half; ich konnte mich besser konzentrieren! Die Pappe schien die Prüfungsangst weitgehend zu eliminieren: Gedanken und Atem beruhigten sich, Ängste vor evtl. Blackouts traten in den Hintergrund.
Passage 4 - Dreifarbentheorie versus Primärfarbentrias
Das menschliche Auge verfügt über eine große Anzahl lichtempfindlicher Rezeptoren. Genau genommen sollen es 7 Mio. Zapfen und 123 Mio. Stäbchen sein. Vereinfacht gesagt sind die Zapfen für die Bunttöne Rot-Grün-Blau (RGB) empfindlich, die Stäbchen für die Unbunttöne Weiß-Grau- Schwarz. D.h. Grün gilt, auf das menschliche Sehen bezogen, als Urfarbe, zumindest aber als Grundfarbe im Sinne der aus der Augenphysiologie abgeleiteten Dreifarbentheorie (Hermann von Helmholtz, 1850). Ich betone das deshalb, weil malfarbentechnisch von Rot-Gelb-Blau, der sog. Primärfarbentrias, als den Grundfarben die Rede ist und Grün nach dieser Theorie als Sekundärfarbe bezeichnet wird. Den Fakten nach haben beide Theorien ihren jeweils spezifischen Sinn; dem Empfinden nach aber scheint mir die erstgenannte Dreifarbentheorie (auch Dreikomponententheorie) die weitaus Bedeutsamere zu sein.
Passage 5 - Die Sekundärfarbe ersten Ranges
1982 geriet ich anhand eines Bildzeitungsartikels mit der erwähnten Primärfarbentrias in der Malerei des 20. Jahrhunderts auf besondere Weise in Konflikt. Die Headline jener Zeitungsausgabe lautete: „Irrer zerstört Millionengemälde“. Es hatte sich in der Neuen Nationalgalerie in Berlin abgespielt, dass sich ein Besucher offenbar vor dem Bild „Who‘s afraid of Red, Yellow and Blue IV“ (Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau?“) des amerikanischen Künstlers Barnett Newman tatsächlich derart fürchtete, dass er das Riesengemälde spontan mit einem Messer schwer beschädigte. Dieses Grundfarben-Dogma Rot-Gelb-Blau irritierte mich ebenso wie den besagten „Bilderschänder“ aus der Nationalgalerie, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Ich wollte das bei Newman fehlende Grün nicht in die zweite Reihe abschieben; Grün war für mich aus phänomenologischer Sicht eine absolute Primärfarbe. Schließlich verfügen wir über 2,33 Mio. speziell grünempfindlicher Zapfen in unseren Augen, während die Wissenschaft bis heute nicht genau erklären kann, wie der Buntton Gelb im Gehirn eigentlich entsteht.
Für den Göttinger Kunstmarkt 1982 malte ich das Newman-Gemälde in Originalgröße nach und klebte es ganzflächig am Boden des Ausstellungszeltes fest, so dass es vom Hin- und Herlaufen der zahlreichen Besucher/innen eine Woche lang durch deren Fußabdrücke malträtiert wurde. Auf diese Weise konnte ich mich mit der zerstörerischen Tat in Beziehung setzen und die Aufmerksamkeit des Kunstpublikums auf eine Primärfarbentrias lenken, die die Urfarbe Grün als Grundfarbe ausschließt, und die obendrein nicht einmal die exakten Grundfarben für den Druckprozess benennt; diese sind Magenta Gelb und Cyan, nicht Rot Gelb Blau!
Passage 6 - Farbe der Mitte - Physikalische Urfarbe
Durch die physikalische Zerlegung des Lichts (ca. 400-800 nm) mittels Prisma in sieben Spektralfarben konnte Isaac Newton den Ursprung der Farben nachweisen. Erst Jahrzehnte später publizierte er diese Entdeckung 1704 in seiner Schrift „Opticks“. Kritiker warfen ihm später vor, er habe die Poesie des Regenbogens zerstört. Die grüne Poesie aber zeigt sich gerade am Spektrum des Regenbogens. Obwohl der Regenbogen eins der schönsten Beispiele für die Gemeinsamkeit und den Zusammenhalt der Verschiedenheiten ist, hat jeder der sieben Bunttöne darin seinen spezifischen Ort: das reine Grün ist die Farbe mit der Wellenlänge 504,5 Nanometer und bildet damit die Mitte des Spektrums mit den Nachbartönen Blau und Gelb. Grün ist also als eine der physikalischen Urfarben die Farbe der Mitte des sichtbaren Spektrums und wohl auch die Farbe der Mitte in jeglichem übertragenen Sinn.
(Newton entwarf übrigens auch den ersten Farbenkreis, indem er das violette Ende des Spektrums mit dem roten Anfang verknüpfte. (Die sieben Farben sind: Rot (gelblich), Orange, Gelb, Grün, Cyan, Blau (Indigo) und Violett(blau).) In der Folge legten viele Autoren der visuellen Darstellung ihrer Farbenlehren den Kreisbogen- oder Halbkreisbogen zugrunde.)
Passage 7 - Farbe des Lebens
Als Theologe, Philosoph und erfahrener Pädagoge entwarf der Böhme Johann Amos Comenius (1592-1670) ein Farbsystem, das zwölf Bunt- und Unbunttöne umfasst, darunter insgesamt sieben! Grün- bzw. Grüngrautöne. Dieses System bezieht sich auf zwölf Lernphasen des menschlichen Lebens, wobei die Phasen eins bis sieben die „gemeine Schule“ umfassen, die Phasen acht und neun die „Begabten- bzw. Lateinschule“, die Phase zehn die „Schule des Berufs“ und die elfte und zwölfte Phase die „Schule des Alters“ und „die Schule des Todes“. Comenius war also bereits im 17. Jhdt. ein wichtiger Vertreter des heute hochaktuellen „lebenslangen Lernens“. Die sieben Grüntöne in seinem System sind wesentlich den anfänglichen und mittleren Lebenslernphasen zugeordnet, während sie sich zum Lebensende hin in den Schulen des Berufs, des Alters und des Todes ganz verlieren. In Berlin hat ein böhmischer Heimatverein in den 90er Jahren einen „Garten des Comenius“ angelegt, der diese Lebensschulphasen nach den Vorgaben des Comenius als gärtnerische Struktur thematisiert und zum Ausdruck bringt.
(Im Eingang dieses Gartens steht der Stamm eines Walnussbaums als Sinnbild für die „Schule des vorgeburtlichen Lebens“. Mit seinen männlichen Blütenkätzchen und den endständigen weiblichen Blüten sowie seinen zweigeteilten Früchten gilt dieser nach Comenius als Mann-Weib-Baum. Mit der Anspielung auf einen Walnussbaum wird der Lebensbaum vor den Erkenntnisbaum gesetzt.)
Passage 8 - Grün negativ - Grün positiv
Es war Mitte der 80er Jahre, als ich feststellte, dass Grün im Rahmen der Werbung lediglich im Medikamenten-Kontext eingesetzt wurde; d.h. zur Gestaltung von Schnupfenmittel-Anzeigen und dergleichen. Grün stand damals in der Werbebranche ausschließlich für Krankheit, für Unreife (Greenhorn, grün hinter den Ohren), für Gift, für Ärger, für Neid und war nur negativ besetzt. Für die meisten Produktwerbungen bedienten sich die Art-Directoren der diversen Blau- bis Blauschwarztöne. Blau führt seit Jahrzehnten die Lieblingsfarben-Statistik in Deutschland an.
Etwa zur selben Zeit wurde nach jahrelangen außerparlamentarischen Kämpfen die grüne Partei gegründet und damit das politische Spektrum in der BRD dieser Zeit um einen entscheidenden Farbton erweitert. Neben schwarzen, roten, blaugelben, braunen gab es nun auch grüne Politiker und erstmals auch eine ganze Reihe Politikerinnen. Ungefähr zeitgleich entstand die Vereinigung der Grauen Panther, der älteren Menschen, die ihre Geschicke selbst aktiv in die Hand nehmen wollten. Das Politikfeld umfasst seither sämtliche Hauptfarben. Die bunte grüne und die unbunte graue Farbe der Mitte sind als letzte in den Politikbereich eingezogen, und das nach langwierigen öffentlichen Auseinandersetzungen. Die Wahlkämpfe, an denen sich die damalige Grüne Alternative Liste dann erstmalig beteiligte, wirkten viel bunter und frischer als die Wahlkämpfe davor und waren von großer Zuversicht zumindest eines Teils der Bevölkerung begleitet. Sonnen, Regenbögen, bunte Blumen, fröhliche Kinderaugen und dergleichen leuchteten aus grünen Wahlplakaten hervor. Grün feierte öffentlich seine Wiederkehr als Farbe der Hoffnung, des Naturschutzes, der ökologischen Erneuerung, der Berücksichtigung von Minderheiten, als Farbe der Gleichberechtigung, der Toleranz und des Miteinanders, der erneuerbaren Energien, der alternativen Medizin und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, ganz allgemein als Farbe für Nachhaltigkeit. Auch in einigen Nachbarländern entstanden grün orientierte Parteien. Das Wort von der „neuen Mitte“ machte die Runde. Dem konnte sich auch die Werbebranche nicht länger entziehen; in den folgenden Jahrzehnten bis heute fanden und finden sich nun u.a. alle möglichen Grüntöne in den diversen Medien. So hat die Farbe Grün seit 1980 einen erstaunlichen Siegeszug angetreten. Ihre Negativbesetzung ist weitgehend einer Positivbesetzung gewichen. Neue, von Grünen besetzte Ministerien für Umwelt und Verbraucherschutz wurden eingerichtet. Aber die Deutschen hielten und halten an ihrer Lieblingsfarbe Blau fest; und Bündnis90/Die Grünen wurden nach dem unaufhaltsamen Aufstieg in die Spitzen der Regierung im Jahr 2005 wieder abgewählt. Ab jetzt wird der Buntton Grün in Politik und Kultur vielleicht weniger euphorisch, dafür aber analog der Normalität der anderen Hauptfarben, d.h. analog seiner positiven wie seiner negativen Zuschreibungen eingesetzt und im Alltag in seiner vollen Vielfalt gebraucht werden. Immerhin hat es einer ganzen jahrzehntelangen Bewegung bedurft, damit der Buntton Grün in Deutschland seine Emanzipation feiern konnte. Die andere Seite des neuen Grüns in der Politik bildet aktuell die radikal-islamische Hamas-Partei in Palästina, unter deren grüner Fahne (Ausdruck für das paradiesische Jenseits) Israel das Existenzrecht abgesprochen wird. Paradoxer Weise ist diese “grüne Partei” nun auch in die Regierung gewählt worden. (Andere Länder mit dominant grünen Flaggen sind Libyen, Pakistan, Saudi-Arabien, Sambia, Nigeria, Mauretanien, Dominica, Brasilien, Bangladesch und Turkmenistan. Das Grün in diesen Flaggen steht entweder für den Islam oder aber die großen Wald- und Naturflächen dieser Länder.)
Passage 9 - Grün gleich ganz Deutschland
Das Farbsystem der Frida Kahlo entstammt einer Tagebucheintragung von 1945 und benennt zehn Bunttöne, davon allein vier Grüntöne, und den Unbuntton Schwarz, über den Kahlo allerdings bemerkt: „Nichts ist schwarz, wirklich überhaupt gar nichts“.
Einer der von ihr benannten vier Grüntöne ist das Laubgrün, das für Blätter, Trauer und Wissenschaft steht. Außerdem bemerkt sie über den Ton Laubgrün: „Ganz Deutschland hat diese Farbe.“
Die anderen drei Grüntöne kennzeichnet sie wie folgt:
- Dunkelgrün: steht für schlechte Nachrichten und gute Geschäfte
- Grün: steht für warmes gutes Licht
- Grünliches Gelb: steht für Wahnsinn, Geheimnis, Gespenster.
Das humorig Konkrete ihrer Angaben verweist wohl auch auf die Relativität, die einem jeden Farbsystem eigen ist. Nichtsdestotrotz stehen die diversen Grüntöne in diesem System für eine besondere Gewichtung, die gleichermaßen auf die Natur - und kulturell bezogen ist.
Passage 10 - Grün als Bild für die Natur
Rudolf Steiner führt in seinen Vorträgen über "Das Wesen der Farbe" von 1921 ein System aus zwei Grundfarbengruppen ein: besonders die von ihm als Bildfarben bezeichneten Töne der ersten Gruppe sprechen mir aus der Seele. Neben den Extremen Schwarz und Weiß handelt es sich dabei um die Töne Grün und menschliche Haut. Der Hautton wird von Steiner als "Pfirsichblüt" und als "Farbe des menschlichen Inkarnats" beschrieben. (Wahrscheinlich mit Bezug auf Athanasius Kircher, der 1646 in einem Werk über Astronomie und Optik ein Farbdiagramm aus Halbkreisen vorgestellt hatte, in dem Grün bereits eine zentrale Stellung einnahm und als Farbe der menschlichen Haut der Begriff "Incarnatus" auftaucht. Newton, Goethe und Steiner kannten vermutlich Kirchers Ideen).
Der Buntton Grün nimmt in diesem System neben Pfirsichblüt und den unbunten Extremfarben die exponierte Position ein, die seiner Bedeutung in der Natur entspricht. Zitat Steiner: "Grün stellt dar das tote Bild des Lebens" (gemeint ist das Bild des physischen Lebens), und "Pfirsichblüt stellt dar das lebendige Bild der Seele". Weiß steht für das Bild des Geistes und Schwarz für das des Toten. Diese vier "Bildfarben" stehen dann wiederum mit der Primärfarbentrias Rot, Gelb und Blau in Verbindung, bei Steiner die Gruppe der "Glanzfarben".
(Unter den Glanzfarben vermittelt Rot das Gefühl des Lebens, Blau das Gefühl der Seele, Gelb das Gefühl des Geistes. Es ergeben sich also Farbpaare, die dem Menschen die gleiche Welt auf verschiedene Weise vermitteln: Rot und Grün vermitteln die Welt des physischen Lebens, Gelb und Weiß jene des Geistigen, Pfirsichblüt und Blau die Welt der Seele. Schwarz als Bild des Toten können wir nach diesem System nur geistig erfassen, nicht aber fühlen.)
Passage 11 - Grün-Verwandtschaften
Grün ist in meiner Wahrnehmung aufs Engste mit Grau und Blau verwandt. Grau bildet die Mitte zwischen Schwarz und Weiß und ist bestimmten Grüntönen deshalb zum Verwechseln ähnlich, was mich immer ganz besonders beschäftigt: wo endet grün, und wo beginnt grau, meiner Ansicht nach die hauchdünnste Grenze zwischen bunt und unbunt?
Das Blau der "Blaue(n) Grotte von Capri" erweist sich nach eingehender Betrachtung der verschiedenen Print-Varianten dieses Motivs eher als ein Grün, zumindest aber als eine Blaugrün-Mischung, wenn man den Abbildungen im Ausstellungskatalog "Blau - Farbe der Ferne" Glauben schenken darf.
Marcel Duchamp, auch "Alchemist der Avantgarde" genannt, malte das Porträt seines Freundes, des "Dr. Dumouchel" (1921) in Blau-Grün-Pur-pur-Tönen, umgab die Figur des Freundes mit einem flaschengrünen Mantel und einer grünlich-purpurnen Strahlung, der Aura eines angehenden, soeben promovierten Arztes. Die verwendeten Grüntöne deuten sehr wahrscheinlich auf dessen berufliche Qualitäten hin, das Mitgefühl und die Anpassungsfähigkeit (vgl. auch „Christus als Schmerzensmann“ von Albrecht Dürer, um 1493).
Mit Gold teilt Grün nicht nur den Anfangsbuchstaben G und die Einsilbigkeit; das Aufleuchten in grünem Golde steht auch in einer alchimistischen Tradition: "Citrinitas", das grüne Gold, die edelste Substanz des Mercurius in der Alchemie, folgt auf die Stufen der Schwärzung, Rötung und Weißung als die höchste Läuterungsstufe an der Materie. Der Geist des Mercurius verkörpert die Weisheit der Natur. Auch die Abbildungen von Gegenständen vergangener Kulturen, die ich im Münchener Museum für Völkerkunde fand, weisen eine Verbindung von Grün und Gold auf:
- Firstziegel von einem Tempeldach aus der Ming-Dynastie (1368-1644)
- Weiyang-Topeng-Maske, Java (undatiert) und
- Sizilianische Marionette: Ritter Paladin (Merlin, Chidr, Mercurius)
Grün ist gut bekannt und befreundet mit Gelb und Braun, speziell in der afrikanischen Natur ein vertrauter Dreiklang. Man denke an die schwarz-braune Haut der Menschen vor dem Hintergrund der Farben von Wüsten, Steppen, grünen Oasen, im Zusammenspiel mit den Fellen von Giraffen, Löwen, Tigern usw.
Rot (Magenta) und Grün dagegen sind einander fremd. Als Grundtöne gleich hell, stehen sie sich komplementär gegenüber wie Leben und Tod.
Passage 12 - Grün-Bezeichnungen
(Ein farbentüchtiger Mensch vermag 100.000 bis zu einer Million Farbnuancen zu unterscheiden. Amerikanische Untersuchungen haben bis zu 10 Mill. Farbvarianten ermittelt.)
Mehr als 100 Grüntöne können Europäer/innen unterscheiden. Indianer/innen sollen, abgeleitet aus ihrer engen Verbindung zur Natur, mehr als 1000 Begriffe für Grüntöne haben bzw. gehabt haben.
Die Künstlerin Rune Mields sammelte für ihre bildnerische Arbeit mit dem Titel „Über die Farbe“ die in den letzten 200 Jahren im deutschsprachigen Raum verwendeten Namen der Farben und ordnete diese nach den jeweiligen Bunttönen in Form ihrer Bezeichnungen auf großformatigen Leinwänden an. Unter neun verschiedenen Bunt- und Unbunttönen (Grün, Rot, Gelb, Blau, Braun, Schwarz, Weiß, Orange, Violett) fand sie für Rot, Grün und Blau die meisten Farbnamen: speziell für Grün sind es nach meiner Zählung 234 verschiedene Bezeichnungen. Auch ein Nachweis für die Bedeutung der grünen Farbe, der diesmal aus der Sprache abgeleitet ist!
Passage 13 - Grün und Kunsttherapie
Nach meinen Grün-Recherchen habe ich mich gefragt, warum die Farbe in der abendländischen Elementelehre dem Wasser zugeordnet sein mag. Wahrscheinlich ist die Verbindung zum Wasser in der Verbindung zum Leben und Atmen begründet (Genesis des Grün). Es geht in der “grünen Lebensphase”, d.h. in den ersten Jahrsiebten, ums Kennen lernen des Lebens im Sinn von Lernen, sich seiner Selbst in der Welt bewusst werden und positionieren, den eigenen Weg in ständiger Veränderung und Hoffnung incl. der Rückschläge entwickeln, einen eigenen Rhythmus finden. Grün scheint mir im kunsttherapeutischen Kontext besonders als die Farbe der Mitte (Kircher, Newton) bedeutsam, als Ausgangspunkt von Entfaltung und Wachstum, als Ermöglichung des noch nicht Vorhandenen und als Ruhe- und Konzentrationspol (Comenius), weitergehend auch als Repräsentanz für Mitgefühl und Anpassung (Duchamp), später als Indiz für gute Geschäfte und gutes Licht, als Ausdruck von Wissenschaft und Wahnsinn (Kahlo), als Bild für das Organische, die Natur, das physische Leben schlechthin (Steiner). Die negativen Seiten von Grün gründen in der Dysbalance zu anderen Farben. Die kann zerstörerisch, unmenschlich, grausam, ja tödlich wirken (siehe z.B. das “tödliche Paradies” der palästinensischen Hamasbewegung, Hitler-Plakat).
Nach Goethe zählt Grün zu den kalten, weiblichen Farben der Minusseite, die unruhige, weiche und sehende Gefühle hervorrufen und introvertiert wirken.
In “Die geheime Sprache der Kinder” habe ich für den Fall des überdominanten Grün folgende Erklärung gefunden: “Es besteht die Gefahr, dass sich Hemmungen (Stillstand, Langeweile, d.A.) ausbreiten.
Zuweilen bedeutet es paradoxerweise auch Rebellion, insbesondere, wenn andere Hinweise auf Aggressivität hinzukommen (Mund, Zähne, Hände. .).”
Der diagnostische Wert der Farben besteht einerseits in ihrem Ausdruckswert (Farben bringen die Gefühle und Stimmungen des Malenden zum Ausdruck) und andererseits im Eindruckswert (Farben wirken auf den Malenden zurück und können Gefühle und Stimmungen evozieren). In Beziehung zur Farbsymbolik wiederum besitzt jede Farbe eine Polyvalenz bzw. kann Positives und Negatives (s.o.) symbolisieren. Grün kann z.B. für Ruhe und für Rebellion stehen. Neben der kollektiven, kulturell bestimmten Farbsymbolik existiert auch eine individuelle Farbsymbolik, die im therapeutischen Prozess betrachtet und erarbeitet werden kann.
Die
Bandbreite des Grüntons ist groß; von der Mitte ausgehend metamorphosiert sie
sich bis an beide Enden des Spektrums der Möglichkeiten zwischen Leben und Tod
und im Grüngold sogar darüberhinaus (Chagall-Fenster, Fraumünster in Zürich,
1970 fertiggestellt).
Grün_Zuschreibungen (u.a. nach Ingrid Riedel)
Wachstum
Wiese
Wärme
Wasser
Vegetation
Werden und Vergehen
Weisheit der Natur („Die grüne Sophia“, Hildegard von Bingen)
Wissenschaft
Wandlung, Läuterung
Weg und Wahrheit (Elias, el Chidr=der „Grüne Mann“)
Viriditas (Grün-Kraft)
Virgo Viridissima (allergrünste Jungfrau Maria)
Wald
Bäume
Natur (Immergrün)
Frische
große Mutter
Erdmutter
Gebärmutter (griech. für Kröte)
Fruchtbarkeit
Gesundheit
Frühling
Aufbruch, Demokratie, Republik
Hoffnung auf Freiheit und Grenzenlosigkeit
Chlorophyll (Photosynthese), Atmung, Leben
Patina (Kupfer), Alter, Schutz
Seele (grünende Kraft des Leibes)
Wandlungskraft des Heiligen Geistes
Hoffnung
Hoffnung auf Erlösung
Heilkraft Gottes
Schöpferkraft
Erneuerungskraft
Gelassenheit
Beruhigung, Konzentration (blaugrüne Töne: Efeu, Tanne, Olive)
Stille
Liebe
Barmherzigkeit
Edelmut
Ruhe, Milde (tibet. grüne Tara)
grüner Stein der Unsterblichkeit (Azteken)
Osiris, der Grüne (Ägypter)
rot-grün, Tod und Wiedergeburt
Gründonnerstag (letztes Abendmahl)
heiliger Gral (Smaragd-Kelch)
Mercurius, Serpens mercurialis (grüner Geist)
Citrinitas=grünes Gold (alchimistische Läuterung der Materie)
Archetyp des Grünen:
Mercurius (grüner Naturgeist)
Dämon, Teufel
Grünrock, der Böse
grüne Augen der Hexen
Gift, Schleim, Galle, Eiter (gelbgrüne Töne)
Krankheit
Aggression, Rebellion
Moder, Fäulnis, Vergänglichkeit (sehr dunkle Grüntöne)
Leben / Überleben
Melancholie, zwischen Leben und Tod (Türkis)
Spiritualität (christl. Mystik, Sufismus, Kabbala)
Versöhnung
grüne Fahne des Islam (Paradiesversprechen)
Christusfenster in Grün von Marc Chagall (Fraumünster in Zürich)
Gestein/Mineralien:
Achat (Wasserstein)
Malachit (smaragd- bis schwärzlichgrün)
Smaragd (zählt zu den Grundsteinen des himmlischen Jerusalem)
Jade (auch als Nephrit bezeichnet)
Chrysopras (Farbvarietäten: grün und bläulich)
Chloropal (zeisiggrün)
Prasopal (durch Nickel grün gefärbt)
Schwarzer Opal (dunkelgrün oder blau)
Turmalin (viele Farbvarietäten)
Türkis
Film:
„Hulk“ (Comicverfilmung), Regisseur Ang Lee, 2003
Forscher/Wissenschaftler wird zum Monster, Riesen und Superhelden.
Macht Metamorphose zum grünen Hulk (=Koloss) durch.
Giftgrün, zugleich gemeingefährlich und zahm wie ein Lamm.
Die Figur Hulk verkörpert im Film die Erfüllung geheimster Wünsche, aber auch den Alptraum, Hulk kämpft mit seinem Schicksal.
Verwendete Literatur
Born, Thomas; Heine, Anna Elisa: Bildgestaltung im Medienkontext - Grundlagen und Methoden. Galileo Design. Bonn 2004
Brummer, Arnd: Das reine Grün, das reine Leben. In: chrismon 04/2003. S. 14-21
Bürgi, Bernhard (Hrsg.), Loers, Veit: Die Primärfarben in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Stuttgart, Teufen 1988
Crotti, Evi, Magni, Alberto: Die geheime Sprache der Kinder. München 1999 (deutsche Ausgabe)
Gercke, Hans (Hrsg): Blau - Farbe der Ferne. Ausstellungskatalog. Heidelberg 1990
Herrera, Hayden: Frida Kahlo. Frankfurt/M. 1994
Palm, Klaus: Farbenseminar an der bildo akademie für Kunst und Medien Berlin. Vortragsmitschriften vom 01.06.1995
Pawlik, Johannes: Goethe Farbenlehre. Köln 1985
Riedel, Ingrid: Farben. Stuttgart 1999
Schmied, Wieland: Das Spektrum des Regenbogens. In: Kunstzeitung 108/August 2005. S. 12
Silvestrini, Narciso (Sammlung). Baumann, Urs (Hrsg.): IdeeFarbe - Farbsysteme in Kunst und Wissenschaft. Ausstellungskatalog. Zürich 1994
Steiner, Rudolf: Das Wesen der Farbe. Drei Vorträge. Dornach 1921
Tuchmann, Maurice. Freeman, Judi (Hrsg.): The Spiritual in Art: Abstract Painting 1890-1985. Ausstellungskatalog, Erstausgabe. Los Angeles 1986
Wolf, Kati: Farbe bei Rune Mields. In: Rune Mields. Ausstellungskatalog. Baden-Baden, Bonn 1988. S. 15-24
© 2006 Anna Elisa Heine, anna.heine@bildo.de, www.bornundheine.de
links:
Ausbildungen im Fachbereich Kunst und Kunsttherapie
Seminare im Fachbereich Psychologie und Kunsttherapie
