Kunst und Kunsttherapie
Jeder Mensch ist anders
Die Kunsttherapie als Verfahren kennt viele Wege. Die Ansätze reichen vom rein Analytisch-Interpretativen hin zu deutlich künstlerisch-prozesshaft orientierter Arbeit.
Ein wichtiger Aspekt für gute kunsttherapeutische Arbeit ist es, möglichst objektive Kriterien in der Diagnostik einzusetzen. Neben den psychotherapeutischen Grundlagen bietet der kunsttherapeutische Prozess die Möglichkeit der elementaren Vorgehensweise. Neben der altgriechischen Lehre der Elemente und Temperamente dienen anerkannte Verfahren wie Ayurveda – die altindische Heilkunst - oder die traditionelle chinesische Medizin ebenso als Vorbilder wie die Schriften des Arztes Paracelsus oder die mittelalterlichen Schriften zur Heilkunst der Hildegard von Bingen.
Grundlagen elementarer Diagnostik:
Jeder Mensch ist anders:
Will man den Menschen ganzheitlich wahrnehmen, so muss man zunächst einmal davon ausgehen, dass jeder Mensch einzigartig ist. In der Verschiedenheit lassen sich dennoch grundsätzliche Tendenzen entdecken – die man gut analog der Elemente verstehen kann.
Bevor der Kunsttherapeut eine Störung feststellen kann, muss er zunächst einmal wissen, wie die gesunde Variante des aus dem Lot gekommenen Menschen aussehen könnte. Das ist gar nicht so einfach, denn Gesundheit ist subjektiv. Der eine fühlt sich in einem Raum mit 25 Grad pudelwohl, während der andere schon das Gefühl hat Fieber zu bekommen. Kommt nun ein Mensch, der sich krank fühlt zum Kunsttherapeuten, wie kann der Kunsttherapeut wissen, wie sich dieser Mensch gesund fühlen würde?
Die elementare Wahrnehmung des Menschen ermöglicht es sich an die ureigene Individualität des Menschen heranzutasten und sich ihr zu nähern. In dieser ureigenen Individualität ist der Mensch gesund. Der hoch aufgeschossene Nervöse friert leicht – ohne krank zu sein – während ein beleibter Gemächlicher das Gefühl der Kälte kaum kennt – außer eben, wenn er krank ist.
Die 4 Grundtypen:
Zunächst einmal gilt es festzustellen was für einem Typus der Mensch angehört. Der Analytiker Fritz Riemann hat neben Anderen die Typologie auf der Basis der traditionellen abendländischen Vier Elemente Lehre erforscht. In seinem Grundlagenwerk „Grundformen der Angst“ stellt er diese Typen vor.
Er unterscheide vier Angst-Typen:
- Den Depressiven
- Den Schizoiden
- Den Hysterischen (heute histrionisch)
- Den Zwanghaften
In der folgenden Tabelle sind einige Analogien oder vergleichbare Ansätze – unter anderen C. G. Jung – benannt.
|
Ebene |
Feuer |
Erde |
Wasser |
Luft |
|
Typ |
Willensmensch |
Tatmensch |
Gefühlsmensch |
Verstandesmensch |
|
Schlüsselsatz |
Ich will |
Ich tue |
Ich fühle |
Ich denke |
|
Antriebsfeder |
Enthusiasmus |
Streben nach Sicherheit/Dauer |
Sehnsucht |
Neugier |
|
Qualität |
Willensstärke |
Tatkraft |
Medialität |
Ideenreichtum |
|
Temperament |
Choleriker |
Phlegmatiker |
Melancholiker |
Sanguiniker |
|
Typologie nach C.G.Jung |
Fühlen |
Empfinden |
Intuition wahrnehmen |
Denken |
|
Angst-Typen |
Hysteriker |
Zwanghafter |
Depressiver |
Schizoider |
|
Weibliche |
Amazone |
Mutter |
Rätselhafte, Muse, |
Windsbraut, Lorelei |
|
Männliche Archetypen |
Held, Krieger |
Vater |
Mystiker, Weise |
ewiger Jüngling |
|
Negative Eigenschaften |
Rücksichtslosigkeit |
Sturheit |
Launenhaftigkeit |
Gefühlskälte |
|
Stärke |
Selbstvertrauen |
Verantwortung |
Gefühlstiefe |
Cleverness |
|
Schwäche |
Geduld |
Beweglichkeit |
Beständigkeit |
Tiefe, Verbindlichkeit |
Woher nun weiß der Kunsttherapeut, wer vor ihm steht?
Zunächst nimmt der Kunsttherapeut das Erscheinungsbild und das Auftreten des Menschen wahr. In einem ersten freien Bild oder einer freien Plastik kann er weitere Eigenheiten entdecken:
Am Beispiel des Plastizierens mit Ton kann man z. B. erkennen:
Wer trägt den Ton wie auf?
| Choleriker | pflückt große Stücke, schnell, energisch |
| Melancholiker | versucht den ganzen Ton zu pressen, langsam (macht es sich schwer) |
| Phlegmatiker | verliert sich im Detail, glättet viel, kommt nicht voran, langsam |
| Sanguiniker | pflückt schnell viele kleine Stücke, möchte sie kaum verbinden |
Wichtig ist es natürlich immer zu wissen, dass die meisten Menschen Mischtypen sind. In einer Art Kuchendiagramm kann man die ungefähre Verteilung der Anteile graphisch darstellen und so sichtbar machen welcher Anteil überwiegt. Sinnvoll ist es diese Feststellung durch 2 - 3 weiteren Arbeiten zu sichern und sie im besten Fall durch die Kenntnis anderer ganzheitlicher Diagnoseverfahren rückzuversichern.
Im weiteren kreativen Prozess entstehen weitere Arbeiten. Nun kann der Kunsttherapeut wahrnehmen, wo der Hilfesuchende aus seinem ureigenen Sein herausgefallen ist – sich daher krank oder im Ungleichgewicht fühlt. Auch hier kann er anhand der elementaren Diagnostik verfahren.
Hat der Kunsttherapeut erkannt, wo Ungleichgewichte vorliegen, kann er den Klienten im kreativen Prozess oder durch gezielte Übungsgaben dabei unterstützen überschüssige Energien abzubauen oder Defizite wieder aufzubauen.
Hierbei setzt die Kunsttherapie auch analytische, tiefenpsychologische oder prozessorientierte Verfahren ein. Der Therapeut hat dadurch eine große Spannbreite therapeutischen Handelns, mit der er den Klienten individuell und effektiv unterstützen und zu seiner Kraft zurückführen kann.
© Alexandra Müller, Campus Naturalis
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